„Wir möchten doch nur helfen…“

„Wir möchten doch nur helfen…“: Kolumne im Feuerwehr-Magazin

In der aktuellen Ausgabe (August 2017) des Feuerwehr-Magazins, einer internationalen Fachzeitschrift der Feuerwehr-Branche, befindet sich eine von unserem Mitglied Niklas Axer verfasste Kolumne mit dem Titel „Wir möchten doch nur helfen…“.

„Der Text spricht vielen aus dem Herzen“, so Jan-Erik Hegemann, der Chefredakteur des Magazins. „Er erklärt, wie freiwillige Feuerwehrleute ticken und was sie bewegt.“

 

Hier die ungekürzte Originalfassung:

Als Feuerwehrmann ist man es gewohnt, sich in seiner Ausbildung auf Gefahren am Einsatzort vorzubereiten. Man lernt etwas über giftige Gase bei Bränden, über das Verhalten auf Straßen bei Verkehrsunfällen. Man wird in all den Risiken ausgebildet, die einen „draußen“ erwarten können. Doch wir leben momentan in einer Zeit, in der wir die größte Gefahr unterschätzen: Unsere Mitmenschen. Immer öfter müssen wir Berichte über Gewalttaten gegen Einsatzkräfte lesen. Wir reden hier nicht nur von der Polizei, deren Funktion und Jobausübung gerne als Provokation und übertriebene Kontrolle des Staates angesehen wird. Sondern wir reden hier über Angehörige von Hilfsorganisationen. Menschen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, anderen zu helfen. Egal, ob Feuerwehr, Rettungsdienst oder THW. Egal, ob bezahlt oder unbezahlt. Wir sind da um Ihnen zu helfen, weil wir es möchten. Aber würden Sie zu einem Einsatz ausrücken wollen, bei dem Sie Angst haben müssen von anderen Personen attackiert zu werden? Und das nicht nur verbal, sondern massiv handgreiflich und mit Waffengewalt? Wie kann man so wenig Respekt haben vor Einsatzkräften, die es sich zur Lebensaufgabe gemacht haben, hilfsbedürftige Menschen zu unterstützen?

Nach vielen Gedanken über dieses Thema bin ich zu dem Entschluss gekommen, dass der Auslöser für dieses Problem wie so oft heutzutage Unwissenheit sein muss. Unwissenheit darüber, was wir in unserem Beruf oder Ehrenamt eigentlich leisten. Welchen Belastungen wir uns aussetzen, sowohl körperlich als auch psychisch. Seit Beginn meiner Jugend bin ich Mitglied in der freiwilligen Feuerwehr. Schon öfters ist mir bei Gesprächen mit Freunden aufgefallen, dass die eigentliche Arbeit von uns nur wenigen wirklich bekannt ist. Denn zu unserem Alltag gehört schon längst mehr, als die klassische Katze vom Baum zu holen und bei einem Verkehrsunfall die Straße abzusperren. Die Anforderungen an uns sind vielseitig, stetig im Wandel und teilweise höchst anspruchsvoll. Das bedeutet für uns eine ständige Fortbildungspflicht, um im Einsatz auch mit neuen Herausforderungen effektiv umgehen zu können. Und das alles in unserer Freizeit, neben dem eigentlichen Beruf. Ausbildung und Einsätze kann man noch in Zeit messen, oft sind es hunderte Stunden pro Jahr. Aber wer misst eigentlich die Bilder in unseren Köpfen und die Belastungen, die wir nach einem Einsatz mit nach Hause nehmen? Manche Kameraden haben jahrelang traumatische Eindrücke zu verarbeiten, die ihre Lebensweisen dauerhaft geprägt haben. Doch genau darüber sind sich die respektlosen Menschen nicht im Klaren. Sie haben nicht die Dinge gesehen, die wir schon an Einsatzstellen gesehen haben. Welche Verzweiflung in den Gesichtern einer Familie sichtbar ist, deren Wohnhaus in Brand steht und mit ihm ihre gesamte Existenz. Wie eine Mutter realisiert, dass in dem völlig ausgebrannten Unfallwrack ihr Kind tödlich verunglückte. Wenn der Notarzt die Reanimation abbricht und der Ehemann der Patientin weinend zusammenbricht. All dies sind Momente, die jene Personen nicht kennen, aber die wir Einsatzkräfte ein Leben lang im Kopf haben. Ich kann mich selber noch an meinen ersten Verkehrsunfall mit Todesfolge erinnern, als ob es gestern gewesen wäre.

Ich hatte Ferien und saß deshalb etwas später am Frühstückstisch als sonst. Gerade möchte ich anfangen, da höre ich im Nachbardorf die Sirene aufheulen. Kurzer Blick in den Flur: Schlüssel, Handy, Schuhe. Für den Fall, dass wir auch alarmiert werden, liegt alles bereit. Ich blättere die Zeitung auf. In diesem Moment höre ich jenes Geräusch, das mich sofort in Anspannung versetzt und in meinem Körper einen Adrenalinschub bewirkt: Unsere Sirene. Das Frühstück bleibt unangetastet stehen, ich springe auf und schlüpfe in meine Schuhe. Handy und Schlüssel schnappen, durch die Haustür und zum Auto. Auf meiner Fahrt zum Gerätehaus spekuliere ich unterbewusst, was uns alles erwarten könnte. Andere Kameraden haben einen Funkmeldeempfänger, auch liebevoll „Piepser“ genannt. Nach der Alarmierungsdurchsage der Leitstelle kennen sie zumindest das Stichwort, da ich keinen habe, werde ich mich im Gerätehaus überraschen lassen müssen. Ich parke, steige aus und laufe in unsere Fahrzeughalle. Mein Kamerad sitzt bereits in einem unserer Fahrzeuge und nimmt Kontakt zur Leitstelle auf, um den Alarm zu bestätigen. Ich greife mir ein Alarmfax, es beinhaltet alle Informationen, die uns der Disponent zur Verfügung stellen kann. Dinge wie Einsatzort, Stichwort, alarmierte Kräfte und Besonderheiten. Ich überfliege den Text. Mit anderen Worten steht da: Verkehrsunfall mit eingeklemmter Person auf der Bundesstraße. Diesen Satz werde ich noch mehrmals meinen Kameraden entgegenrufen, die genauso kurzfristig wie ich an diesem Vormittag im Gerätehaus eintreffen werden. Ich ziehe mir meinen Schutzanzug an und steige in unser Löschgruppenfahrzeug. Eingeklemmte Person, das kann alles sein. Vom einfachen Blechschaden, bei dem der nervöse Ersthelfer nicht beim ersten Versuch die Tür des Unfallfahrzeuges aufbekommen hat, bis hin zum völlig deformierten Unfallwrack, das wir mit schwerem Gerät zerschneiden müssen. Mittlerweile sind wir in der Kabine sieben Mann, vorne haben unser Maschinist und Gruppenführer Platz genommen. Wir können also ausrücken. Seit meinem vergeblichen Versuch die Zeitung zu lesen, sind noch keine fünf Minuten vergangen. Während die Box mit den Einweghandschuhen rumgereicht wird, machen wir die erste Einteilung der Mannschaft. Ganz oberflächliche Dinge wie Verkehrsregelung, wir kennen ja noch nicht die Lage vor Ort. Über Funk hören wir, wie unser Kreisbrandmeister die Leitstelle kontaktiert. Er hat in seinem Privatwagen Sondersignal und Funk verbaut und kann die Einsatzstelle direkt von zuhause aus anfahren. Das kann wertvolle Minuten sparen, so wie jetzt. „Zwei beteiligte Pkw, mehrere eingeklemmte Personen“ lautet seine erste Sichtung. Heißt so viel wie: Nachalarmieren, und zwar einiges. Mehr Feuerwehr, mehr Rettungsdienst, mehr Notärzte. Ist wohl doch nicht nur ein Blechschaden. Wir nähern uns der Unfallstelle, durch die Trennwand der Mannschaftskabine riskiere ich einen ersten Blick, sehe aber nur zwei Unfallautos und einen bereits eingetroffenen Rettungswagen. Als unser Fahrzeug stillsteht, mache ich mich mit Notfallrucksack und Decke ausgerüstet auf den Weg. Wir sind darin geschult, den Rettungsdienst zu unterstützen und uns mit um Patienten zu kümmern. Unsere Hauptaufgabe bleibt zwar die technische Rettung, jedoch treffen wir im Normalfall mit einer größeren Mannschaftsstärke ein und können so den Kollegen bei einer höheren Anzahl von Verletzten unter die Arme greifen. So wie in diesem Fall, fünf Verletzte und zwei Rettungsassistenten. Da kann man jede weitere helfende Hand gut gebrauchen. Ich überfliege mit einem ersten Blick das Unfallszenario. Ein großer Geländewagen, erkennbar vom Unfall mitgenommen, jedoch ohne eingeschlossene Personen. Davor ein völlig demolierter Kleinwagen. Vorne zwei eingeklemmte Erwachsene, hinten ein kleiner Junge. Nach kurzer Rücksprache mit dem Rettungsassistenten kümmere ich mich um das Kind. In diesen kurz ausgetauschten Sätzen habe ich erfahren, dass die Beifahrerin, wohl Mutter des Kindes, „ex“ ist. Ex, das steht in diesem Fall für Exitus, also tot. Der Fahrer, eventuell der Vater, ist lebensgefährlich verletzt. Wenn wir sein Leben retten wollen, zählt jede Sekunde. Der Junge auf der Rückbank, der mich noch gar nicht wahrnimmt, hat gerade seine Mutter versterben sehen. Ausblenden. So ein Gedanke hat hier und jetzt keinen Platz. Die Tür geht nicht auf, deshalb steige ich über das gegenüberliegende Fenster auf die Rückbank. Jetzt heißt es beruhigen, erstversorgen und retten.

In der nächsten Stunde wird der Kleinwagen komplett zerlegt. Nachdem der kleine Junge über das Seitenfenster gerettet wurde, haben meine Kameraden Öffnungen für eine schonende Rettung des Fahrers geschaffen. Die Notärztin konnte ihn so weit stabilisieren, dass Zeit genug für eine Dachentfernung war. Ohne die Wirbelsäule des Vaters noch weiter zu belasten, konnte er aus seiner Lage befreit und den bereitstehenden Kollegen eines Rettungshubschraubers übergeben werden. Alle anderen Patienten wurden in der Zwischenzeit schon von Rettungswagen in die umliegenden Kliniken verteilt.

Jetzt stehen wir also da, mitten auf einer vollgesperrten Bundesstraße. Neben uns die beiden Unfallfahrzeuge und die Trage, auf der sich der zugedeckte Leichnam der Mutter befindet. Ab jetzt heißt es warten. Da es sich um einen tödlichen Unfall handelte, hat die Polizei zur Klärung des Unfallhergangs einen Gutachter herbestellt. Bis der seine Arbeit vor Ort nicht beendet hat, dürfen wir nichts verändern. Es wird wohl noch eine ganze Zeit dauern, denn bis jetzt ist noch niemand eingetroffen. Während wir in der Gruppe um das Unfallwrack stehen und uns die Situation noch einmal verbildlichen, kommt ein Pressevertreter. Wenn Sie sich schon einmal gefragt haben, wieso auf den Unfallbildern in Zeitungen die Einsatzkräfte meistens rumstehen, kennen Sie jetzt die Antwort. Diese Aufnahmen entstehen nämlich oft genau dann, wenn uns die Hände gebunden sind und wir warten müssen. Wenn nicht auf einen Gutachter, dann auf den Abschleppdienst. Der sollte heute übrigens auch noch kommen, irgendwann.

Den Nachmittag werden wir damit verbringen, dem Gutachter bei seiner Arbeit zuzusehen, den eingetroffenen Abschleppdienst zu unterstützen und dem Bestatter behilflich zu sein, den Leichnam in den Bestattungswagen zu legen. Danach müssen wir noch die gesamte Fahrbahn reinigen und alle Spuren des Unfalls verschwinden lassen. Als wir unsere Arbeit erledigt haben und einrücken, ist alles was bleibt eine völlig demolierte Leitplanke. Ansonsten erinnert nichts mehr an das, was sich heute an diesem Ort ereignet hat.

Zumindest nicht die ganzen Berufspendler und anderen Autofahrer, die hier heute Abend vorbeifahren werden. Für uns Einsatzkräfte jedoch wird es ab jetzt die Kurve sein, in der wir eine tote Mutter aus einem Unfallwrack gezogen haben. Und daran werden wir erinnert, jedes Mal wenn wir diese Strecke fahren werden. Jeder von uns hat ab dem heutigen Tag Bilder im Kopf, die er ein Leben lang nicht mehr vergessen wird. Ich habe heute meinen ersten Toten gesehen, aber das habe ich bis jetzt noch gar nicht realisiert. Das wird alles heute Abend kommen, wenn ich im Bett liege und einschlafen möchte. Dann werden die Bilder kommen, die Geräusche, ja selbst die Gerüche von heute. Ich werde anfangen zu realisieren, was ich heute erlebt habe. Ein kleiner Junge ist zu einer Halbwaise geworden, ein Mann hat seine Frau verloren und wird selber die nächste Zeit auf der Intensivstation und in Reha verbringen. Eine Familie wurde heute zerstört, ihr Leben wird nie mehr so sein wie es war. Ich weiß, dass ich diese Gedanken nicht haben sollte, aber sie werden kommen. Alles was jetzt hilft, ist mit den Kameraden über das Erlebte zu reden. Zu merken, dass man die Eindrücke nicht alleine verarbeiten muss.

Doch bei all der Belastung bin ich stolz, keine Sekunde gezögert zu haben, als die Sirene ging. Dank uns ist der Vater noch am Leben, ohne uns wäre er tot. Bei dem Gedanken daran, dass ich ein Leben retten konnte, erfüllt mich ein Gefühl, das sich nicht beschreiben lässt. Doch dieses Gefühl ist der Grund, warum ich im Ehrenamt bin. Und es ist die Mühen, die hunderten Stunden in der Ausbildung und die Belastung in den Einsätzen wert.

Ich bin mir sicher, wenn die gegenüber Einsatzkräften respektlosen Menschen in ihrem Leben nur jemals einen Tag wie diesen erlebt und dieses Gefühl verspürt hätten, dann würden sie nicht zuschlagen. Sondern helfen.


Niklas Axer

Freiwillige Feuerwehr Saldenburg

 

Anmerkung: Aus Diskretionsgründen wurde das genaue Unfallszenario abgeändert. Das Kerngeschehen, sowie die grundlegenden Abläufe und Folgen des Einsatzes bleiben hiervon jedoch unberührt.